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Marmorbilder


„In seiner seit Anfang 2019 begonnenen Serie von Marmorbildern experimentiert Willi Lemke mit Acrylfarben, Marmormehl und anderen Materialien, die auf nicht gänzlich vorhersehbare Weise miteinander reagieren. Im Laufe der Zeit hat er Erfahrungen mit den Wechselwirkungen der Stoffe gewonnen und bearbeitet die schichtweisen Aufträge und Kompositionen mit ausgesuchten Farben und Materialmengen. Risse, Dellen, Aufplatzungen, Oberflächenveränderungen und bewusste Eingriffe, Schnitte, Kratzer oder Wärmewirkungen nutzt er dabei, um zu einer Bildwirkung zu gelangen, die den Spuren informeller Malerei ähnelt und einen Kosmos von Strukturen eröffnet.

Erdgeschichte, historischer Verlauf und Alterungserscheinungen sind mit den optischen Erscheinungen seiner Werke verbunden. Konkreter erwecken die Bildwerke Assoziationen zu Vulkankratern, Vogelflugbildern, Deltas und Wüsten. Schwefelhaltiges Gelb und Lava-Rot-Orange, Fließformen und Spalten nähren den Charakter von eruptiven Naturgewalten. Drohnenfotos von Wundern der Natur belegen die mitunter außergewöhnliche Färbung geologischer Phänomene. Die Analogie liegt in den chemischen Prozessen und den staunenswerten Reliefierungen der Arbeiten.

Die unnatürlich beißenden, glimmenden und zusammengestellten Farben insbesondere und die kompositorische Vielfalt der Richtungen, Strömungen und Verwirbelungen der Materialien erweisen die Werke aber als künstlerische Setzungen, als spielerische Experimente mit Form und Farbe, die sich von der Gegenständlichkeit lösen und in Auseinandersetzung mit fremdartigen Empfindungen eintreten. Die Pigmente sind vermengt, gestreut, verstriffen, gepresst, verkratzt und irdisch kompakt. Das nimmt ihnen den Bezug zu Sternenballungen oder Wolkendiesigkeit, den dafür ist keine Luft.

Ihr Allover ohne eine durchgehende Tendenz zu Mitte oder Richtung, dynamischer Diagonale oder Umrandung macht sie zu eigenständigen Segmenten einer vermuteten Oberfläche. Das Ausschnitthafte erfasst keine eigenständige Einzelform, weist keine Hinweise auf Wiederholungsmuster auf und schafft einen kalkiggrellen Empfindungsraum, der in den Rottönen entgegenspringt und in den anderen Färbungen sich distanzierter darbietet. In einem Teil der Arbeiten gemahnt der durchscheinende brokatige Untergrund und Bildträger an archäologische Freilegungen und übermalte Fresken oder sandüberspülte Unterwasserfunde. Eine Beziehung der Schichten stellt sich jedoch nicht im plastischen Relief ein, sondern durch die Farbtünche, die konturunabhängig in Zonen und Streifen aufliegt. Ausbreitungsgesten, insuläre Wirbel und überlagernde Verkrustungen bieten eine angstfreie und geheimnisvolle Collagewirkung, die die Originalvorlagen zu Chiffren macht, die einer Neudeutung harren. Filigran überlagert das gegenwärtige die Vergangenheit und reißt Fenster auf. Gewollte Struktur und Formgebung wird durch gewordene und applizierte Schichtungen überformt. Kein Pinsel, Spachtel oder sonstige Werkzeugspuren mischen sich in diesen Prozess ein.

 

 

 

Leonardo da Vinci: Traktat von der Malerei, München 1989 (Jena 1925), S. 49-50

 

 

 

Obwohl die Quadratform die Neigung zur Akzentuierung der Mitte birgt, vermeidet Willi Lemke diese Zentrierung. Die nicht recht zuzuordnenden kombinatorischen Erfindungen seiner Serie wirken wie Präparate unter dem Mikroskop, wie Ausschnitte die für die Schönheit der Details einnehmen, die uns auch in der Natur ständig als Sehanagebot begleiten. Diese bunte Exotik der Materialität, weis phantasievolle und kompakte Anschauungsobjekte aus dem Material heraus zu gewinnen, die über das hinausgehen, was Leonardo da Vinci in seinem Malereitraktat anregte:

„Wenn du auf buntgefleckte Mauern oder auf buntgemischte Steine blickst, so kannst du dort, falls du irgendeine Gegend zu erfinden hast, Bilder von allerlei Landschaften sehen, die mit Bergen, Flüssen, Felsen, Bäumen, weiten Ebenen, Tälern und Hügeln in mannigfacher Weise ausgestattet sind. Du kannst auch dort allerhand Schlachten und Gestalten mit lebhaften Gebärden erblicken, ferner seltsame Gesichtszüge und Gewänder und unendlich viele Dinge, die du später in vollkommener und schöner Form wiedergeben kannst. Es ist mit solchen Mauern und Gemischen ähnlich wie mit dem Geläute der Glocken, denn in ihren Schlägen kannst du alle Namen und Worte hören, die du dir ausdenkst.“

Das Sehen ist der Anfang, aber die künstlerische Phantasie geht dann über den Zufall und die Vorlage hinaus, die nur der Impulsgeber sind und nicht schon das Ergebnis. „Durch verworrene und unbestimmte Dinge wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach. Sorge aber vorher, daß du alle die Gliedmaßen der Dinge, die du vorstellen willst, gut zu machen verstehst, – so die Glieder der lebenden Wesen, wie auch die Gliedmaßen der Landschaft, nämlich die Steine, Bäume u. dgl.“

Durch seine vorhergehenden Werkzyklen hat sich Willi Lemke in diesem Sinne Realismus in Porträts und Landschaften angeeignet und sich ins Formen und Farbwerte eingesehen, von denen er sich durch Abstraktionen, Reduzierungen und nun durch Überarbeitungen löst und zugleich einen neuen Klang erzielt, der keinem gängigen Empfinden entspricht. In diesem Sinne bieten Willi Lemkes neue Werke anregendes Potential.“*

*Kunsthistoriker Dr. Dirk Tölke, 2024